ausstellungenEnglish

 

.Jean Louis Boissier

 
Jean-Louis Boissier
Second Promenade

Eine Hypermedia Installation
4. Dezember 1998 bis 7. Februar 1999


Second Promenade ist zentraler Bestandteil eines Textes von Jean-Jacques Rousseau (1670 - 1712): Rêveries du promeneur solitaire (hg. 1782; dt. Selbstgespräche auf einsamen Spaziergängen). Dieser Text bildet das Gegenstück zu den Geschichten über die Blumen der Insel von Saint Pierre, die als Grundlagen zu der früheren Installation von Boissiers Flora petrinsularis dienten. Die Erzählungen schildern den Moment, in dem Rousseau den Beschluß faßt, nie wieder zu schreiben, um gleichzeitig die Arbeit an Confessions in Angriff zu nehmen. In Second Promenade benennt Rousseau die wesentlichen Gründe, die für die Arbeit an den Rêveries du promeneur solitaire von Bedeutung waren.

Boissiers Installation Second Promenade basiert auf verschiedenen ineinandergreifenden Medien: Bilder, Töne, Musik, Videos und einem computerbasierten Text. Dieser Hypertext steht in enger Beziehung zum Originalwerk von Rousseaus Second Promenade und kann durch einfache Interaktion vom Publikum in verschiedenster Form gelesen werden. Die Installation bezieht sich jedoch ebenso auf das komplette literarische und philosophische Werk Rousseaus und beschreibt die hierüber gewonnenen Forschungsergebnisse. Das Medienkunstwerk ist einerseits essayistisch, andererseits beschreibt Boissier autobiographische Aspekte der Arbeit und des Lebens von Rousseau.

Die ästhetische Kraft und die konzeptionelle Qualität von Second Promenade speziell auf der interaktiven Ebene liegt in dem Versuch, eine neue Sprache für die audiovisuellen Medien zu finden, die sowohl der literarischen, als auch der kinematographischen Tradition folgt.

Prolog

Die Installation kann nur erfaßt werden, in dem man die interaktiven Möglichkeiten benutzt. Jean-Louis Boissier vermutet, daß die daraus resultierende Beziehung zwischen Werk und Rezipient gleichzusetzen ist mit der Sichtweise, die Rousseau auf die Welt hatte. Vom logischen, sinnlichen und sprachlichen Standpunkt aus betrachtet, kann Rousseaus Œuvre durchaus als wachsendes Bewußtsein für das Sein verstanden werden, das aus der Beziehung zu Dingen, Geschöpfen und Ereignissen entsteht. Diese Beziehung ist permanenter Bestandteil der menschlichen Selbstreflexion.

Second Promenade steht für den Moment der zweiten Geburt. Rousseau verbrachte einen Nachmittag mit einem Spaziergang, sammelte Pflanzen in herbstlicher Landschaft in den Hügeln von Ménilmontan. Ganz in sich versunken erinnerte er sich an wundervolle Momente in seinem Leben. Plötzlich wurde er von einem Hund angefallen, verlor das Bewußtsein und kam erst nach und nach wieder zu Besinnung. In seinem „Selbstgespräche auf einsamen Spaziergängen" beschreibt er dieses Erlebnis: "Die erste Sensation bestand in einem herrlichen Augenblick... Ich kehrte just in diesem Moment wieder zurück ins Leben, und ich hatte das Gefühl als würde meine flüchtige Existenz mit allen Dingen, die mich umgaben, erfüllt. In diesem Moment erinnerte ich mich an keine Begebenheiten aus meiner Vergangenheit; ich hatte weder eine klare Vorstellung von mir selbst, noch erinnerte ich mich an das, was gerade geschehen war; ich wußte nicht wer oder wo ich war; ich fühlte mich nicht schlecht, weder ängstlich noch wütend. Ich betrachtete das Blut, daß aus meinen Wunden floß, wie einen vorbeiströmenden Fluß, ohne zu merken daß es mein eigenes Blut war. Ich fühlte eine vollkommene Ruhe in mir, die sich mit nichts mir bekanntem vergleichen ließ."

Die Installation spielt mit der Möglichkeit des Betrachters, digital dargestellte Gegenstände scheinbar beliebig zu „steuern", wobei der Betrachter gleichzeitig den programmierten Vorgaben der Installation folgen muß. So ist es möglich, traumatische Ereignisse zu produzieren, die Bilder, Töne und Text mit genauem Bezug zu Rousseau enthalten, die aber gleichzeitig dem Betrachter / Akteur die Möglichkeit bieten, seine eigenen Ideen und Vorstellungen mit einzubringen. Der Betrachter wird in der Dramaturgie der Installation an den oben dargestellten Schlüsselmoment gebunden, und sieht sich ständig in andere Momente, Plätze, Ereignisse und Charaktere transportiert.

Biographie
Jean-Louis Boissier

Jean-Louis Boissier wurde 1945 in Loriol-sur-Drôme, Frankreich geboren. Zwischen 1962 und 1969 studierte er in Grenoble und Lyon Mathematik und Physik. Er leitete einen Kinoverein, arbeitete als Theaterphotograph, Grafik-Designer, Bühnendesigner und drehte zahlreiche Experimentalfilme. Ab 1969 gehörte er unter Frank Popper zu den Gründern der Kunstabteilung der Universität Paris VIII in Vincennes. Gemeinsam mit Popper arbeitete er 1968 an der Ausstellung Cinétisme, spectacle, environement im Maison de la Culture in Grenoble. 1979 publizierte er eine Arbeit zum Thema „The question of heritage on contemporary China in contemporary art". Zwischen 1973 und 1989 organisierte er den Austausch von Künstlern zwischen Frankreich und China sowie mehrere Ausstellungen mit chinesischer Kunst. 1983 assistierte er Popper bei der Ausstellung Electra, l´éléctricité et l´éléctronique dans l´art au XXe siècle im Musée de L’Art Moderne, Paris. 1984 - 1985 assistierte er Jean-François Lyotard bei der Ausstellung Les Immatériaux im Centre Georges Pompidou. Anschließend arbeitete er bis 1991 als Redakteur und Art Director für La Recherche photographique. 1988 - 1992 organisierte er Ausstellungen zum Thema neue Bildtechnologie, Interaktivität und Virtualität für die Cité des sciences et de l´industrie. Gleichzeitig begann er die Zusammenarbeit mit dem Centre Georges Pompidou zur Ausstellung Passages de l´image im Jahre 1990, anschließend für die Entwicklung der Revue Virtuelle 1992, bei der er einer der Kuratoren war. Boissier gründete 1990 die Artifices Biennale als Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen der Stadt Saint-Denis und der Universität Paris VIII. Er ist der Direktor der Biennale. Gegenwärtig hält Boissier Kunstvorlesungen an der Universität Paris 8, forscht und ist Vorsitzender des Laboratoire d´esthétique de l´interactivité. 1994 promovierte er zum Thema „Elements of the aesthetic of data". Dabei untersuchte er künstlerische Experimente seit Beginn der 80er Jahre im Umfeld von interaktiven Installationen, Videodisks und CD-ROMs. Seine in den 80er Jahren begonnenen Forschungen auf dem Gebiet der Interaktivität hat ihn zu einem international anerkannten Experten auf diesem Gebiet werden lassen. Er kuratierte mehrere Ausstellungen, nahm an vielen Ausstellungen und Konferenzen teil, und war mit seinen eigenen Arbeiten in zahlreichen Museen, Kunstzentren sowie auf Festivals und Ausstellungen präsent.

email: Axel Wirths, Kurator
 
 
 
 
 

neu   inhalt   einblick   kommunikation    presse   show menu   english

 

produced and copyright by kunst- und ausstellungshalle der bundesrepublik deutschland