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Eis und Geist Das riesige
arktische Gebiet ist erstaunlich homogen. Tundra und Rentiere prägen das
Bild, die Bewohner sind Hirten oder Jäger; in beiden Fällen folgen sie
den Tieren, sie haben keinen festen Wohnplatz. Das Rentier versorgt den Menschen
mit allem, was er braucht. Auch das Spirituelle hat in der Arktis viele
gemeinsame Züge: etwa Animismus und Schamanismus. Alle Lebewesen, aber auch
viele Landmarken, wie Berge und Buchten, haben eine Seele. Nur der Schamane
versteht die Sprache der Nicht-Menschen, und nur er kann Reisen zu den anderen
Welten unternehmen, wo er Rat bei den Geistern holt. Die Gemeinsamkeiten sollen
aber nicht über zahlreiche Unterschiede hinwegtäuschen, wie die
Sprache, die ethnische Herkunft oder die wirtschaftliche Orientierung. Die Zahl
der Bewohner der Arktis ist sehr gering, 100.000 Eskimo, 80.000 Lappen, und etwa
400.000 Menschen sibirischer Völker. Heute leben sie alle in Siedlungen,
mit Post, Telefon, Schule und Krankenstation. Für jene Familien, die noch
als Jäger oder Viehzüchter leben, dient das Dorf als logistischer Stützpunkt.
In den letzten zehn bis zwanzig Jahren versuchen die arktischen Völker,
ihre Identität neu zu formulieren. Neue Eigenbezeichnungen, wie das Wort
Inuit (Mensch) als Synonym für Eskimo, wurden aber aus sprachlichen Gründen
kaum angenommen: Inuit ist die Eigenbezeichnung der östlichen Eskimo, in
der Westarktis nennen sich die Menschen anders, etwa Inuvialuit, Inupiaq,
Yup'ik, Aluuit, Chugach oder Yuk. Auch die Lappen haben ihren Namen geändert
und nennen sich heute Saami. Manche der hier gezeigten Objekte scheinen auf den
ersten Blick nichts mit dem spirituellen Leben der arktischen Völker gemein
zu haben. Aber in traditionellen Jäger- und Hirtenkulturen war das
Spirituelle in allen Lebensbereichen vorhanden: ein Gerät oder eine Waffe
kann technologisch perfekt sein, eine optimale Wirkung wird aber erst dann
erreicht, wenn die Geister wohlwollend dazu beitragen. Jean-Loup Rousselot
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