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Francisco Ruiz Infante Sprachenraum (Bestiarium Nr.2)
Im Ausstellungsraum sind zehn zu drei Gruppen geordnete Tische zu sehen, um die herum in augenscheinlicher Unordnung 14 Stühle stehen. Innerhalb dieser Gruppen sind drei Monitore durch große Milchglasplatten verdeckt. Die Bildschirme weisen nach oben. Das matte Glas, das den Bildschirm abdeckt, bewirkt eine leichte Unschärfe der Bilder, doch wenn man das Videobild genau betrachtet, kann man die Großaufnahme eines Gesichts erkennen: Wie in einem Badezimmer ist eine Person zu erkennen, die sich mal die Zähne putzt, sich mal die Zunge reibt und manchmal die Glasplatte anhaucht ... An zwei gegenüberliegende Wände des Raumes werden zwei wandhohe Bilder projiziert, auf denen in rascher Bildfolge Großaufnahmen von verschiedenen Tieren zu sehen sind. Durch leichte digitale Manipulation der Bildgeschwindigkeit einzelner Details bewegen die Tiere ihre Körper und Mäuler gleichzeitig und stoßen eine Reihe von seltsamen Lauten aus, die vermuten lassen, daß diese Tiere sprechen. Das daraus entstehende Klangsystem kann auf verschiedene Art verstanden werden: es wirkt gleichsam ironisch, dramatisch, komisch und gewaltsam. Dieses Geräuschensemble wird durch eine weitere, komplexe Klangzuspielung vervollständigt. Es handelt sich um Übersetzungsversuche, die diesem ungewöhnlichen Versammlungsraum" weitere mögliche Bedeutungsebenen hinzufügen. Von der Decke hängen 14 Kopfhörer herab und vervollständigen die Installation. Wenn man auf einem der Stühle Platz nimmt und einen der Kopfhörer aufsetzt, kann man die Simultanübersetzung aller Geräusche hören und wird somit zum Zeugen der merkwürdigen animalischen Konversation". Das Besondere dieser Kopfhörer ist, daß vier von ihnen die Übersetzung des Textes ins Spanische übertragen, drei ins Englische, drei ins Französische und drei ins Deutsche. Die Übersetzung wirkt jedoch merkwürdig abgehackt und besteht aus monoton aneinandergereihten Sätzen. So können die Besucher sich zwar für eine verständliche Sprache entscheiden, werden jedoch nur eine neue Geräuschserie hören, in diesem Falle eine menschliche. Diese Artikulationen machen, genau wie die ausdrucksstarken Tiergeräusche, nicht mehr Sinn, als die eigene Vorstellungskraft zu entschlüsseln vermag. TON UND SPRACHE Grundlegende Elemente der Installation. Von meiner Erfahrung mit der Videoarbeit Los Lobos" (Die Wölfe") ausgehend, beginne ich mich zunehmend für die Konstruktion von Klangräumen zu interessieren, die die Konversation" zum Thema haben, sich aber von dieser durch die Einführung von nicht klar als Sprache kodifizierbaren Klängen (Geräusche, Gegrunze, falsche Morsezeichen, ungewöhnliche Zeichen ...) entfernen. Darüber hinaus habe ich begonnen, bei der Konstruktion meiner Texte mehrere Sprachen zu überlagern, um so ganz bewußt, das mögliche Verständnis der Rede zu fragmentieren. Die möglichen Lesarten werden so vervielfältigt, und der klangliche Charakter der Sprachen hervorgehoben. Ganz offensichtlich wird sich der Zuhörer angesichts einer derartigen Akkumulation von Sprachen wehrlos fühlen. Ich möchte den Eindruck vermeiden, daß die Installation inhaltlich als etwas Formales verstanden wird. Und da ich mir wünsche, daß der Besucher sich der Komplexität der einfachen Kommunikation in der heutigen Zeit bewußt ist, entschied ich mich am Anfang des Projekts für die Einführung einer Verständnishilfe". Als Verständnishilfe für die manipulierte Sprache habe ich in meinen einkanaligen Videos das klassische System der Untertitel" angewandt. Doch in diesem Zimmer der Sprachen" habe ich ein der Simultanübersetzung verwandtes System den Vorzug gegeben: die Möglichkeit eine monotone Stimme zu hören, die den Sinn des Gesagten entziffert, indem sie ihm eine lineare Struktur verleiht. Eine Stimme, die in gewisser Weise den Sinn erläutert (da sie die Bedeutungskoordinaten der Wörter angibt), aber ihn zugleich auch verkompliziert (da sie die ausdrucksstarken Spuren der klanglichen Rede auslöscht). Der Besucher hat die Wahl, den Sinn des Textes zur Kenntnis zu nehmen, oder sich intuitiv von den Klängen führen zu lassen und die Installation mit offenen Bedeutungen zu füllen. F. Ruiz de Infante (Dezember 1997) Diese Ausstellung ist eine Co-Produktion zwischen der Kunst und Ausstellungshalle, Bonn und dem Museo nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, wo sie im September 1998 zu sehen sein wird.
email: Axel Wirths, Kurator |
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